Claudia Weinzierl

Claudia Weinzierl

  • Geboren 1963 an der österreichisch-tschechischen Grenze 
  • Studium der Sprach-, Literatur- und Theaterwissenschaften sowie Philosophie in Wien, Hannover, Paris. Abschluss Mag.art. 
  • Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hannover 
  • Dramaturgin an den Theatern Bremen und Wiesbaden 
  • PR- und Projektleitungen im Kultur- und Kunstbereich (v.a. Konstantin Wecker und Mozartband, Wien) 
  • Einjährige pädagogische Leitung der Ausstellung „Dialog im Dunkeln“, Wien 
  • Autorin und Projektleiterin von „Wegzeit – Kulturen Pendeln“ (ein gesamtkulturelles mehrmonatiges Projekt für die Region Mühlviertel ) im Auftrag der Kulturhauptstadt Linz09 
  • Autorin und Projektleiterin für das pädagogisch-mediale Jugend- Projekt „Mühlviertler Hasenjagd“ zum Gedenktag Gegen Gewalt und Rassismus 2010 im Auftrag der Parlamentsdirektion Wien 
  • Promotionsstudium Medienphilosophie und Anthropologie der Kunst an der Akademie der Bildenden Künste, Wien. Dissertation über das Werk von Lou Andreas-Salomé bei Elisabeth von Samsonow und Peter Sloterdijk (Abgabe Juni 2011) 
  • Lehraufträge an der Kunstuniversität Linz und an der Universität Wien 
  • Freie Autorin und Essayistin 
Lebt und arbeitet in Wien 

 

Grundgedanken zu lecture Claudia Weinzierl

 

In diesem Beitrag geht es um die Verbindung des „Fluxus-Gedankens“ zu den Thesen und Findungen vor allem von Lou Andreas-Salomé um die letzte Jahrhundertwende, wo die Frage nach der Verbundenheit von Kunst und Leben zentral hinterfragt und in vielfältigen medialen Formen Ausdruck fand . Diese Frau, die in diesem Jahr ihren 150. Geburtstag feiert,  hat ein noch weitgehend unerforschtes Gesamtwerk hinterlassen, in dem es immer um das Ganze geht, um Verbindungen, um die genuine mediale Verfasstheit des Menschen – um die schöpferische Potenz. So könnte man sie am besten als „Zwischenschaftlerin“ bezeichnen, ein „Medienbegriff“, den ich gerne auch für mich in Anspruch nehme, was seinen zureichenden Grund in  meinem „resonanzphänomenologischen“ Ansatz findet.   Das Referat speist sich aus meinen diesbezüglichen Forschungen, die mich erkennen lassen, dass es fruchtbar ist, sich „rückwärts nach vorn“ den Flüssen der Zeit anzuvertrauen, die in ihren Unterströmungen eine dauernde Präsenz im Sinne von „fluxus future“ wahrnehmen lassen. Wenn Fluxus als Strömung der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts kategorisiert wird, so ist es mir ein Anliegen, den Zeitraum „sphärologisch“ zu dehnen und spielerisch zu verweben mit einer Zeitlosigkeit von Präsenz, der ich mich selbst aussetze, indem ich mich bereit erkläre, mich „mediumistisch“ von dem Polylog über „future fluxus“ einverleiben zu lassen…

Folgend einige Textstellen aus dem Essay„Die Geburt der Komödie aus dem Geist der Erotik“ – Lou Andreas-Salomés Beiträge zur ästhetischen Moderne. Eine Forschungsskizze

Aus dem Sammelband: Unzipping Philosophy. Hg. von Elisabeth von Samsonow, Passagen, Wien, 2009

“Menschenleben – ach! Leben überhaupt ist Dichtung. Uns selber unbewußt leben wir es, Tag um Tag wie Stück um Stück, in seiner unantastbaren Ganzheit aber lebt es, dichtet es uns. Weit, weitab von der alten Phrase vom ‚Sich-das-Leben-zum- Kunstwerk-machen’; wir sind nicht unser Kunstwerk.“

Lou Andreas-Salomé „Mein Dank an Freud“[1]

Lou Andreas-Salomé (1861 – 1937)  erscheint auf der Bühne der Geistesgeschichte als eine Figur, die sich einen merkwürdigen Zauber erhalten hat. Das hängt wohl vor allen Dingen mit ihren Verbindungen zu den großen männlichen Geistern ihrer Zeit zusammen.Dagegen ist ihr umfangreiches Werk, das sie als Essayistin, frühe Seelenforscherin und Kulturtheoretikerin auszeichnet, nicht ausreichend gewürdigt worden. Sie selbst hat sich schon zu Lebzeiten, obwohl berühmt und viel gelesen, keiner aufkommenden Strömung wirklich zuordnen lassen und blieb ein merkwürdig singuläres Phänomen.

Je weiter wir in ihr Werk vordringen, umso erstaunter stehen wir in einer Materialfülle, die uns ungeahnte Aspekte dieser Epoche erkennen lässt. Diese Epoche ringt um die Integration von Innovationen, etwa mit der der Elektrifizierung und der Errichtung von städteumspannenden Stromnetzen, so wie mit der Beschleunigung von Kommunikation und Verkehr.  Es beginnt eine tiefgreifende Veränderung in der Darstellung und Wahrnehmung der menschlichen Psyche. Diese Veränderungen und Umschichtungen wurden  durch Freuds Theorie beschrieben, die jedoch in den Schriften von Lou Andreas-Salomé eine wesentliche Ergänzung erfährt.   Aus diesen drängt  die vergessene  kulturelle Kraft des weiblichen Kindes hervor, des Mädchens, die theoretisch beinahe vollständig gelöscht oder ausgefallen war. Erst Elisabeth von Samsonows umfassende, jüngere Analyse des „Elektra-Komplexes“[2] stellt uns das theoretische Feld zur Verfügung, in dem wir Lou Salomés geistige und symbolische „Mädchenkraft“ wieder in  Erinnerung rufen können.

Was die Methode angeht, so bedeutet es, nicht nur der kognitiv erfassbaren Textur und deren Verflechtungen mit Einflüssen und Beeinflussungen zu folgen, sondern sich auch einer Art „Klangbild“ gefühlten Wissens auszusetzen – den Flüssen der Intuiton zu trauen. In diesem Sinne ist der vorliegende Text eher als Evokation und Vorspiel zu verstehen.

 

Lou Andreas-Salomé versucht zu zeigen, dass die Religion als betäubendes Surrogat für die erste, schmerzhafte Erfahrung des „Zur Welt Kommens“ fungiert. Das menschliche Bewusstsein erscheint nicht fähig, die paradoxale Spannung zwischen individualisierter Existenz und der Erinnerung an fraglose Verbundenheit mit allem, was ist, zu (er)tragen. Das Fragwürdige wäre demnach in der Zeitlosigkeit der Präsenz zu suchen, in dem Raum, in dem die Erinnerung aufhört, Last zu sein und die Gedankenformen der Zukunft noch nicht in Begriffe gegossen sind. Wir werden sehen, wie sich diese „präsentische Gewissheit“ durch Lou Andreas-Salomés gesamten Lebensprozess verfolgen lässt.

Die Herausforderungen der Zeit und des Raumes, in die sie hineingeboren wurde, sind wie geschaffen für ihren Lebensentwurf. Sie war diesem Zeitraum so sehr einverleibt, dass man schwerlich unterscheiden kann, ob sie den Raum durch ihr Werk geprägt oder der Raum sie so fugenlos geformt hat. Dies wäre die freundlichste Erklärung, warum sie nur als „ästhetisches Phänomen“ durch die geisteswissenschaftliche Welt gespenstert. Eine andere Erklärung aber gibt sie selbst als „Der Mensch als Weib“, sich selbst bewusst, als das Wesen, „das noch mehr unmittelbar Teil hat am Alleben selbst und wie dessen persönlich gewordenes Sprachrohr wirken kann, in einer Güte und Weisheit jenseits aller Vernunft. Es fügt sich sozusagen mit einer anderen Gebärde in das Ganze des Lebens organisch ein, als der Mann mit seiner Auflehnung gegen alles, das ihn hindern könnte sich weiter und weiter zu spezialisieren.“[3]

Ihre Denkbewegung geht vom Konkreten (Subjektiven) zum Abstrakten (Objektivierten), Erlebtes wird in literarische Gestalt umgeformt und exemplarisch in ihre Erkenntnisprozesse eingearbeitet. Mühelos und klar modulierend spielte sie auf den Saiten, die zwischen männlich-intellektueller Schärfe und hingebender, weiblicher Empfindungstiefe gespannt sind.

Sie tat dies in einer direkten „Sprache der Empfindungen“, indem sie sich aller möglicher Gattungen des Ausdrucks bediente. Ihre Werke zu deuten heißt, die Mühe auf sich zu nehmen, mit ihrem zeitgebundenen, aber auch persönlich-eigenwilligen Stil vertraut zu werden. Ihre Sprache ist oft körpernah und poetisch, häufig superlativistisch. Aus heutiger Sicht, umso mehr für der Rationalität verpflichtete Kenner und Könner, die nüchterne wissenschaftliche Texte gewohnt sind, mag der bisweilen assoziative Sprachstil schwülstig wirken, vielleicht sogar manieriert. Ihre Sprache erfordert Konzentration, Geduld und die Bereitschaft, zuzuhören – denn all ihre Texte sind immer Rede, Zwiegespräch, Polylog.

In ihren schöpferischen Verbindungen mit den großen europäischen Geistern der Epoche, allen voran mit Nietzsche, mit Rilke, mit Freud, wird sie von der Nachwelt – gründlich missverstanden -  in die Kategorien „Femme fatale“ oder „Muse“ gedrängt.  Beide Begriffe treffen allerdings in ursprünglicher Weise durchaus auf Lou Andreas-Salomé zu:

Als Erscheinung des (lat.) fatums, der μοίρα (altgr. Moira) verkörpert sie durchaus den weiblichen „Anteil“ am Geschick ihrer Zeit, wobei sie gleichzeitig die „Geschickte“ ist, die es versteht, die einzelnen Erkenntnisse der rasanten Entwicklung zu einem „Verstand und Gefühl“[4] vereinigenden Sinnzusammenhang zu verweben.

Sie hat und ist Anteil am Schicksal einer „unzeitgemäßen Generation“, der das Los zufällt, den januarischen Blick auf den leeren Zwischenraum von definitem Untergang eines Systems und heraufdämmernden Aufgängen zu (er)tragen. Der Blick von Lou Andreas-Salomé schaut in forscherischer Unerschrockenheit und einer empathischen „Grundempfindung unermeßlicher Schicksalsgenossenschaft mit allem, was ist“[5] in sich und um sich und hinterlässt lebendig aufzufassendes (Text-und Beziehungs-)Gewebe zwischen Selbstbehauptung und Hingebung, sie „schmiegt sich unwillkürlich fromm in die letzten Geheimnisse vom Untergehen und Aufgehen…“[6]

Wendet man die Bezeichnung „Muse“ aus der Not ihres Schattendaseins, so erscheint die Μοῦσα (altgr. Mousa) als unbenannt elementare Kraft, die dem innersten Begehren, sich zu entäußern, das Feld bestellt. Als der zur gelingenden Entbindung des kreativen Überflusses aus dem Werkschaffenden Gerufenen kommt ihr die Bedeutung der Hebamme zu. Als Ekstase-Spezialistin rührt sie an die Erinnerung, dass alles Leib- und Geistschöpferische ungeteilt im Resonanzraum der erotischen Sphäre schwingt.

Es liegt mir fern, die oberflächliche Bewertung dieser Frau und die unverständliche Ignoranz ihrem Werk gegenüber als Anlass zu nehmen, eine Apologie zu verfassen. Es erscheint mir vielmehr lohnenswert, zu zeigen, wie die kreatürliche Übertragung des eigenen Individuationsprozesses auf die großen philosophischen Fragestellungen ihrer Zeit sie zu einem Modell derselben macht.

Ihre Lebensbewegung selbst gewährt uns Einblick in noch unbeachtete Aspekte der Werke von  Nietzsche und Rilke und der Entstehung der Psychoanalyse. In diesem Sinn untersuche ich die „schöpferische Wahrnehmung des Lebens“ von Lou Andreas-Salomé anhand ihres Werkes[7], das so gesehen eine Fülle von „autopathographischem“[8] und zeitdiagnostischem Material birgt. Material, das in beredter Verbindung steht mit dem schöpferischen Spannungsfeld des „principuum individuationis“ des modernen Menschen. Die Klammer bildet die paradoxale Einheit von „Selbstbestimmung und Hingebung“: Der lebendige Mensch erscheint als Transformator schöpferischer Spannungen, ist wesentlich „creature und createur“ gleichzeitig.

Ihr Lebens-Werk spricht eine „mediumistische“ Sprache, die Erlebtes entweder exemplarisch umformt in Denksysteme oder das so in Erkenntnis Formulierte im ZusamMENSCHauen[9] sichtbar zu machen sucht, die oszillierend zwischen Selbsterkenntnis und Spiegelung durch Andere(s) die begeisterte und begeisternde Atmosphäre des „Im-Leben-Seins“ (im Unterschied zu Heideggers „In-der-Welt-Sein“) zu transportieren sucht. Lou Andreas-Salomé lotet die Forderungen und Grenzen der Selbstbestimmung mutig aus. Dies bedeutet, die Dynamik und Unsicherheit eines steten Prozesses auszuhalten, ein unaufhörliches Knüpfen, Auflösen und Neuknüpfen des Netzes aus seelisch/geistigen Episoden, Zuständen und Dispositionen, ein Entwerfen, Verwerfen und Umbauen der Selbst- und Weltbilder, an denen wir messen können, was uns innerlich und äußerlich zustößt.

Lou Andreas-Salomé zeigt, dass das subjektive Empfinden und Erkennen der Dinge der Welt und das Wesen dieser Dinge notwendig aufeinander bezogene Sphären sind – unablässig neu sich formende und wandelnde schöpferische Prozesse von Wirklichkeit. Jeder Moment unseres Da-Seins ist eine neue Perspektive unserer Position inmitten der uns umtanzenden Erscheinungen, die sich nur im Innehalten zu Augenblicksgebilden formen, die wir als gegenständliche Manifestationen wahrzunehmen imstande sind. In diesen Zusammenhängen erscheinen wir nicht mehr als entweder Schaffende oder Rezipienten – wir sind „alle oder keiner“[10]

[…]

„Über Tragungen“

Das Zusammenhängende, das nun nicht mehr Gott ist, wird durch Lou Salomé bereits als ein Feld „gewittert“, in dem sich Resonanzen übertragen (lassen), die in einer topographischen Sphäre zwischen Himmel und Erde, zwischen Psyche und Geist und Körper, zwischen Transzendenz und Immanenz, im Feld zwischen Vertikal- und Horizontalspannung schwingen. In ihren jungen Jahren entwickelte sie ein Gespür für das ihr wesentliche Medium Poesie, das über die Begrifflichkeit wissenschaftlicher Prosa hinaus atmosphärische Verbindungen zu schaffen vermag. Dieses Gespür machte sie zu einer Zaunreiterin zwischen Kunst und Philosophie, und in der Reife ihres Lebens zur „Dichterin der Psychoanalyse“(Sigmund Freud). In der Zeit zwischen 1891 und 1912 gelangen ihr diese atmosphärischen Verbindungen durch ihre Präsenz in den Medien, in denen sie als „Leitstern“ das Lebensgefühl eines „Ver Sacrum“ verkörperte. Die Bedeutung und Verbreitung der Feuilletons und Kulturzeitschriften um die Jahrhundertwende war enorm und schuf das kulturelle Klima, in dem sich Kunst und Leben eindrucksvoll vermählten. In der ersten Ausgabe der Freien Bühne heisst es:

„Eine freie Bühne für das moderne Leben schlagen wir auf. Im Mittelpunkt unserer Bestrebungen soll […]die neue Kunst [stehen],die die Wirklichkeit anschaut […]. Die Kunst der Heutigen umfaßt mit klammernden Organen alles, was lebt, Natur und Gesellschaft; darum knüpfen die engsten und die feinsten Wechselwirkungen moderne Kunst und modernes Leben aneinander, und wer jene ergreifen will, muß streben, auch dieses zu durchdringen in seinen tausen verfließenden Linien, seinen sich kreuzenden und bekämpfenden Daseinstrieben…![11]

Diese Motivation spiegelt Lou Andreas-Salomés Interessen und Überzeugungen und sie hat diesem zentralen Medien-Organ zahlreiche Beiträge „einverleibt“. Wie sehr sie auf einer direkten Lebensbezogenheit der Kunst besteht und sie für das anthropologisch geradezu konstitutive Ausdrucksmittel hält, wiederholt sie noch 1928 in ihrem Buch über Rilke:

„Muß man doch klar die Tatsache vor Augen behalten: wie ganz alle Phantasie, mitsamt ihrem Abkömmling, der Kunst, nichts ist als Ausdrucksmittel, zu Diensten des Stärksten in uns, des Ungenügsamsten am Vorhandenen. Immer ist sie die unablässig neu geschlagene Brücke zwischen – um bei des Dichters [Rilke, Anm. CW]Bezeichnungen zu bleiben – dem uns „Säglichen“ und uns „Unsäglichen“; immer die unabweisbare Ergänzungsmethode am Realen und Rationalen, als stamme alle Phantasie aus einem breitern Wissen, bei dem Logik und Praktik des Daseins nur nicht exakt genug mittun können. (…)dazu müsste sie selbst die richtige Stellung zum Leben beanspruchen dürfen, kein Abseits dazu bilden, sich vor der allem Lebendigen innewohnenden Tendenz, vor dem organischen Zusammenschluß mit allen innern Betätigungen, nicht fürchten; sich eingestehen, dass sie von den primitivsten Regungen der Phantasie bis in die Abrundung zum reifsten Kunstwerk von ein und demselben Menschentum ausgeht und dessen Grundeinheit dient, ja diese ermöglicht.“[12]

Mithilfe der Poesie erkennt  sie die zentrale Bedeutung der Erotikals die schöpferische Kraft/Spannung, die die „Spitzen unseres Geistes“, die uns individualisieren, uns wiederum mit dem „Urgrund alles Seins“, d.h. mit unseren Affekten, die uns wiederum unterschiedslos mit allem Lebenden SEIN lassen, verbindet. So könnte man einfach deduzieren, dass die direkteste Verbindung zwischen dem Leben und der Kunst-Gedankenwelt, zwischen Dionysos und Apoll, Eros heißt.

[…]

Nur im gekonnten Umgang mit Überschüssen lässt sich „gelungenes Leben“ erfahren – aus diesem Beispiel lässt sich nachvollziehen, warum für die „Ästhetische Moderne“ die Kunst eine so wichtige Stellung einnehmen konnte –,  jenseits der oberflächlichen Bewertung als wirklichkeitsbetäubende Dekoration. In ihrem Buch über Rilke, das sie zwei Jahre nach seinem Tod veröffentlichte, findet Lou Andreas-Salomé klare Worte:

„Alle Kunst steht in der Gefahr, zwischen Tendenz und Artistik um ihren vermittelnden Sinn gebracht zu werden. Aber in jedem Fall, wie voll ihr Sinn sich ihr auch erfüllen mag, bleibt sie nach beiden Richtungen dienend verpflichtet, bleibt zwischen beiden der einigende Bindestrich, Wiederherstellung einer Einheitlichkeit, die uns nur so wiederaufgehen kann. Und ebendeshalb ohne Spielraum – ja ohne auch nur einer Ritze, Spalte, souveränen Raum für sich allein. (…)wie leichthin und unwissentlich wir doch über solche letztliche Tatbestände innerhalb dessen, was wir Kunst nennen, hinwegleben. Fast scheint es so, als ob unser gang und gäbes Verhalten zur Kunst am allerwenigsten danach eingerichtet wäre, sich darauf zu besinnen. Als ob unsere durchschnittliche Unaufrichtigkeit, Phrasenhaftigkeit, Vogel-Strauß-Politik in unseren innern Verhältnissen, hier am allgemeinsten, am selbstverständlichsten sanktioniert sei. Als ob es sich in unserer Grundeinstellung zur Kunst fraglos nur um das unverbindlich Harmloseste handeln könne.“[13]

[…]

„Über Eros“

Für Lou Andreas-Salomé ist der gesteigerte schöpferische Augenblick ein „Zeugungsakt“, ein erotischer Moment, in dem die Vereinzelung des Menschen aufgehoben ist und folgerichtig ist  Eros von zentraler Bedeutung für ihre Auffassung der Lebensphilosophie .  Eros als Medium des Lebens ist in meinem Projekt die Basis einer unverkürzten, medientheoretischen Analyse. Medientheoretisch deshalb, weil ich das Wesen des Erotischen als Medium begreifen möchte, das als Kommunikationsmittel eine lebendige Teilhabe von Sendern und Empfängern gleichermaßen impliziert, „die Einsicht, dass Subjektivität nicht von fundamentaler, sondern von medialer Natur ist“[14]. In der erotischen Rede geht es nicht einfach darum, über die Erotik zu reden, sondern den Übertragungsraum zu öffnen, der die der Kommunikation innewohnenden Zusammenhänge offenbart: die geheimnisvolle Synchronizität von „Kommunion“ und „Unikat“ – von „Bei-Sich-Sein“ und „Außer-Sich-Sein“.

„Man mag das Problem des Erotischen anfassen wo man will, stets behält man die Empfindung, es höchst einseitig getan zu haben. Am allermeisten aber wohl dann, wenn es mit Mitteln der Logik versucht wurde: also von seiner Außenseite her. Bedeutet das an sich ja schon:...die Dinge genügend unsubjektiv, genügend fremd von uns selber vorstellen, um anstatt der Ganzheit, Unzerstücktheit einer Lebensäußerung, ein auseinanderlegliches Stückwerk zu erlangen, das sich eben hierdurch im Wort fest fixieren, praktisch sicher handhaben, einseitig-total überblicken läßt...“[15]

Lou Andreas-Salomé versucht dennoch, das Wesen des Eros zu erfassen und sie tut dies in einer direkten „Sprache der Empfindungen“, einer dichterischen also, das Nietzsche-Wort aus der „Morgenröthe“ für wahr nehmend, „...all unser sogenanntes Bewußtsein ein mehr oder weniger phantastischer Commentar über einen ungewussten, vielleicht unwissbaren, aber gefühlten Text...“[16]

In einer sprachlich-poetologischen Bewegung beschreibt sie den Zusammenhang der Kategorien Körper-Seele-Geist als notwendig aufeinander bezogene Sphären, wobei sie das schöpferische Prinzip auf die Fähigkeit, Leben zu zeugen, zurückführt,  die von der animalischen Triebstruktur bis in ekstatische „Erregungstechniken“[17] auf einer universalen Tonleiter vielfältigste Lebens-Melodien spielt. Die Essenz dieser „Lebenskunst“ impliziert einen freien, beweglichen Geist, jeglicher Autoritätsgläubigkeit entbunden, der das Lob der offenen Begegnung, der Spontaneität und schöpferischen Vielfalt singt.

Hier liegt also der Schlüssel zum Begreifen der Rollen, die wir auf der Lebensbühne spielen - in Lou Andreas-Salomés Sprechen über die Erotik wird die schöpferische Begabung des Menschen, jedes Menschen, deutlich gemacht. Erotik ist die Möglichkeit, sich sowohl an die Ränder des Himmels als auch in die Unterwelten unserer Instinkte zu wagen : Sie zeigt uns als Liebende, als emphatische Individuen, die ihre Verfehlungen und Erfolge im ursprünglich komödiantischen Sinne (also nicht als tragische Helden, die durch ihre Hybris schuldig werden) meistern – mit Mutterwitz und Narrenweisheit.

 




[1]  Lou Andreas-Salomé: Mein Dank an Freud (1931) –  Zitiert aus: Lou Andreas-Salomé: Das zweideutige Lächeln der Erotik. Psychoanalytische Schriften. Hrsg. von Inge Weber und Brigitte Rempp, Freiburg 1990, S 252

[2]  Elisabeth von Samsonow: Anti-Elektra – Totemismus und Schizogamie. Zürich-Berlin 2007.

[3]  Lou Andreas-Salomé:Der Mensch als Weib (Ein Bild im Umriß).In: Neue Deutsche Rundschau 10, 1, Berlin 1899.  

[4]  Lou Andreas-Salomé: Physische Liebe. In: Die Zukunft, 25, Berlin 1898, S 219

[5]  Lou Andreas-Salomé:Lebensrückblick, a.a.O.,S 24

[6]  Lou Andreas-Salomé:„Der Mensch als Weib“, a.a.O. S240

[7]  Dazu gehören alle Publikationen, posthum veröffentlichte Briefe und Dokumente und die noch unveröffentlichten Tagebücher und Notizen aus dem Nachlass, der privat von Dorothée Pfeiffer in Göttingen verwaltet wird.

[8]  Der Begriff stammt aus dem Titel der Vorlesung von Peter Sloterdijk „Bios&Pathos. Die Kunst der Passivität und die autopathographische Literatur der Moderne“ – WS 08/09 an der Universität für Angewandte Kunst, Wien.

[9]  In Anspielung auf Sokrates‘ „anagrammatische Herleitung“ des Wortes „Mensch“, als das Wesen, das zusamMENSCHaut, was es wahrnimmt, in dem Dialog „Kratylos“ von Platon. Sämtliche Werke. Band 3. Frankfurt, 2007, S 36f

[10]  In Anspielung auf Friedrich Nietzsches Untertitel zu: Also sprach Zarathustra – ein Buch für Alle und Keinen.

[11]  Freie Bühne. 1, Berlin 1890, S 1

[12]  Lou Andreas-Salomé: Rainer Maria Rilke. Leipzig 1928,  S 116

[13]  Lou Andreas-Salomé: Rainer Maria Rilke, A.a.O., S 115

[14]  Peter Sloterdijk: Weltfremdheit. Frankfurt 1995,  S 317

[15]  Lou Andreas-Salomé: Die Erotik.Frankfurt 1992,  S 85

[16]  Friedrich Nietzsche: Morgenröthe. Zweites Buch. Erleben und Erdichten. München 1999 ( KSA Band 3), S 113

[17]  Ein von Peter Sloterdijk eingeführter Begriff